Dienstag, 1. Juli 2008

Alles fühlt


Da lag es, in der Buchhandlung, als wär es genau für mich bestimmt. "Alles fühlt" von Andreas Weber. Auf dem Umschlag meerestierartige Wesen... ich dachte sofort an eine Szene im Urlaub, die das Gespräch auslöste:
Fühlt die Muschel? Hat die Muschel ein Bewusstsein?

Aber nun von Anfang an:
Urlaub am Meer - Fisch und Meeresfrüchte ganz frisch. Ein Freund möchte für uns alle Muscheln kochen (er kocht wunderbar!). Wir kaufen also Muscheln und am Abend werden die Muscheln geputzt. Ich frage, was ich tun kann und erfahre, dass man diese "Fäden" an den Muscheln entfernen muss. Das mache ich eine Weile bis ich frage: "Was ist denn das?". "Das sind die Bärte, das sind Fühler" ist die Antwort. Plötzlich denke ich: lebt die Muschel eigentlich noch? Ja, die Muschel lebt noch, erfahre ich dann. Um mir das zu zeigen, wird ein Tropfen Zitronensaft in die Muschel getropft und sie schließt sich.
Blitzartig krieg ich ein flaues Gefühl im Bauch und kann diese Bärte nicht weiter von den Muscheln entfernen.
Ich reisse einem Lebewesen bei lebendigem Leib seine Fühler raus?
"Das merkt die Muschel doch gar nicht, die hat doch kein Bewusstsein." So oder so ähnlich dachte unser Koch und Freund und wahrscheinlich viele Menschen.

Da bin ich mir aber gar nicht sicher!

Ja, ich habe die Muscheln dann später auch mitgegessen (und ich gestehe - auch genossen!) und dabei geht es mir gar nicht darum, ob wir alle Vegetarier werden sollten, denn Pflanzen fühlen ja auch.
Für mich geht es darum, mir bewußt zu machen, was ich tue und darum, anderen Lebewesen ihr Fühlen nicht abzusprechen.

Das Thema beschäftigte mich eine ganze Weile und setzte sich fort, als ich dieses Buch fand.
Andreas Weber schreibt:

"Der Kranke, der nicht mehr sprechen kann, das Pantoffeltierchen, das sich zusammenkrampft, bevor die Pikrinsäure es unter dem Deckglas tötet, die kahlen Hühner im stickigen Stall, die welkende Pflanze in stummer Verzweiflung, der Fötus, der sich gegen die Instrumente des Arztes mit Händen und Füßen wehrt - sie alle zeigen, was ihnen widerfährt.
Das Fühlen dieser Wesen tritt in ihren Gesten so unmissverständlich zutage, dass wir uns dem Mitleiden kaum entziehen können. Im Gegenteil: Wir können uns nicht verschließen, weil wir dieselben Gesten von innen kennen. Wir wissen, was wir spüren, wenn unser Körper sich in solchen Schmerzen windet. Wir können stummen Ausdruck im Gefühl nachvollziehen, selbst wenn die zugrunde liegende Erfahrung uns unbekannt ist... Jeder, der von stummen Wesen einen Beweis für sprachliche Intelligenz verlangt und ihr Leiden im Falle des Nichterbringens ignoriert, verachtet nicht nur sie, er verrät auch sich selbst. Er täuscht sich mit der Illusion, anders zu sein.
Leben als solches ist bereits Gefühl, und das Bewusstsein spiegelt dieses fühlende Leben wider. Es gibt keine Subjektivität, die vom Leib entkoppelt wäre."

Mein Gefühl: Alles fühlt - und die Muscheln mag ich lieber im Meer lassen.

Claudia Nora